Thomas Heyl | Bilder

Text Helma Dietz

Thomas Heyl arbeitet ausschließlich auf Papier, einem zarten, leichten Bildträger, der die flüssige Farbe schnell aufnimmt und in der Tiefe speichert. Heyls gemalte Bilder zeichnen sich vor allem aus durch eine starke Bewegtheit. Sich vielfältig verschlingende, sich überlagernde, durchdringende und verdichtende Farbbahnen werden mit einem breiten Pinsel gestisch spontan, aber immer wie nach einem geheimen Bauplan, gezogen. Vor einem meist planen, manchmal durchsichtig-hellen, oft aber auch dunklen, geschlossenen Hintergrund entsteht so häufig die Illusion einer eigentlich abstrakten Figur in einem Raum die den Betrachter dennoch gern zu erzählerischen Interpretationen verlockt … Wenn sich im Laufe eines Malprozesses eine allzu große Nähe zum Gegenständlichen ergibt, löscht er diese Gebilde lieber wieder, indem er sie übermalt oder gar einen Schwamm einsetzt, sodass dann – der Zufall ist immer auch Mitgestalter – reizvoll-malerische Wirkungen entstehen. Gelegentlich wird der Malprozess auch einmal für Jahre unterbrochen, der Bildzustand bleibt offen, bis sich das Bild dann irgendwann wieder einmal „meldet“.

Denn Heyl geht es um etwas Anderes, was man hier vielleicht beim Betrachten dieses kleinen, zart-farbigen Bildes am besten spüren kann: Wie bei einem Tanz um eine Mitte formt sich aus kreisenden Malbewegungen eine Art Kokon, ein Schutzraum, der etwas Unsichtbares, nicht Malbares, aber Wesentliches birgt: Hier ist es vielleicht das Leben selbst, das der Malprozess versinnbildlicht: „Eine Möglichkeit“ heißt das Bild. Eine Möglichkeit ist das Innehalten, das Warten und Sich-Schützen und Verschließen, um dann wieder auf- und auszubrechen in andere Möglichkeiten, immer ein Werdendes, sich Veränderndes, Offenes, in Bewegung Seiendes, Atmendes zu bleiben. Oft sind die äußeren Farbbänder, die die Figur umschließen, weißlich transparent. Diese Fesseln lassen sich jederzeit sprengen. So sind Heyls Bilder immer nur eine Momentaufnahme vor dem Aufbruch des „Maler-Forschers“, wie ihn ein Laudator einmal genannt hat, in neue imaginäre Räume: „The imperfect ist the paradise“ (Das Unvollkommene, Unvollendete ist das Paradies) sagt der Dichter Wallace Stevens. Wie Heyl mit dem Offenen, der Leere, ja dem Nichts umgeht, zeigen am besten seine … Scherenschnitte: Auf kleinstem, zartestem Bildraum – der Bildträger ist dünnstes Transparentpapier – ereignet sich Unerhörtes: Ein unwirklich weißes Tuch legt sich über oder umhüllt eine nur angedeutete, unbestimmte, mit Acrylfarben gemalte kleine Szene. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieses Tuch als die negative Form, als Ausschnitt, die Leere, die die Anwesenheit von Etwas simuliert. Das ist eigentlich unheimlich und führt mich an einen Punkt, wo zumindest meine Sprache versagt. Aber mir ist dazu ein Sinnspruch von Angelus Silesius, dem Cherubinischen Wandersmann von 1675 eingefallen: Gott ergreift man nicht, Gott ist ein lauter Nichts. Ihn rührt kein Nun noch Hier. Je mehr du nach ihm greifst. Je mehr entweicht er dir. Helma Dietz