Thomas Heyl | Bilder

Ausstellungseröffnung Kunstverein Leimen Dr. Christiane Kothe

Formal bestechen die Arbeiten von Thomas Heyl durch den Umgang mit Malgrund und Malmitteln. Die Farben werden mit unterschiedlich breiten und dicken Pinseln deckend oder lasierend, d.h. durchscheinend, aufgetragen. Es kommen Rollen zum Einsatz, die nicht unbedingt mit Farbe getränkt sind, sondern mit Klecksen der Farbe versehen wurden und entsprechend auf dem Papier nur eine sporadische Farbspur hinterlassen, wodurch sie aber gerade Struktur und räumliche Tiefe erzeugen. Akzentuierte Linien werden mit dem spitzen Ende des Pinselstiels in einen dicken Farbauftrag geritzt. Neben leuchtenden Farbtönen spielen Schwarztöne und Weißschattierungen eine wesentliche Rolle in seinen Bildern. Materialien und Techniken erzeugen interessante Oberflächen in der Nahsicht. Tritt man dann aber einige Meter zurück, tragen alle Bestandteile des Bildes dazu bei räumliche Tiefe zu erzeugen, ein Phänomen, das schon den Gemälden Rembrandts, Turners oder Monets eigen war, das Thomas Heyl aber in den Dienst einer nicht im klassischen Sinn nicht-gegenständlichen Kunstäußerung stellt. So schaffen sie für den Betrachter halbrealistische Räume, in denen er seine Phantasie spazieren führen, seinen Assoziationen freien Lauf lassen kann.

Thomas Heyl hat ein besonderes Stilmittel gefunden um diese Wirkung seiner Bilder weiter zu treiben. Er nennt die betreffenden Werke auf Pergamentpapier, sprich auf einem transparenten Malgrund, Scherenschnitte. Im Gegensatz zum klassischen Scherenschnitt, einem Schattenriss, der alles jenseits der Kontur wegnimmt, schafft Thomas Heyl zunächst ein hochdifferenziertes Bild, in das er nach Fertigstellung eingreift und mit der Schere einen Teil wieder entnimmt. Dieser Vorgang und sein Ergebnis wird in der zeitgenössischen Betrachtung als „Loch“, als Nichts angesprochen und als solches ausinterpretiert. Aber werden wir diesen Bildern damit gerecht? Betrachten wir noch einmal die Serie der fünf Pergamentblätter, so wird deutlich, dass es diese scheinbaren Fehlstellen sind, die Dynamik ins Bild bringen, die gemalten Röhren scheinbar schweben lassen.

Vor Jahrzehnten hat der damalige Humboldt-Stipendiat Kosme de Barañano y Letamendía mich am Kunsthistorischen Institut Heidelberg mit dem Nichts als Etwas in der japanischen Kultur, als die Abwesenheit von Etwas bekannt gemacht und der Anblick der Scherenschnitte brachte unmittelbar die Erinnerung an jenen Vortrag zurück. Damals beleuchtete Kosme diesen Aspekt im grafischen Werk des baskischen Künstlers Eduardo Chillida. Auch im Werk eines weiteren baskischen Künstlers, Jorge Oteiza, spielt der „leere“ Raum eine Rolle. Dieser Künstler hatte in den 1970er Jahren eine Übereinstimmung mit dem japanischen Begriff „ma“ entdeckt. Ich übersetze aus einer zentralen Feststellung aus einem Artikel: „Das ma ist der leere Raum zwischen zwei vollen Räumen.“¹ Er betont damit, dass dieser eine Qualität hat, dass es sich um ein „Etwas“ handelt. Betrachten wir unter diesem Blickwinkel nun einige der Skulpturen von Lutz Schäfer, so können wir festhalten, dass die Volumina diese Abwesenheit von sichtbarem Material brauchen um sich zu entfalten, um wirken zu können. Das gilt mit anderen Akzenten auch für die zweidimensionalen Gestaltungen von Thomas Heyl, der, wie Roland Borvitz im Zuge des Ausstellungsaufbaus so treffend feststellte, mit den Ausschnitten seinen Werken etwas Wesentliches hinzufügt. Dabei erzeugen diese Leerstellen, diese Abwesenheit von Fülle Dynamik, schaffen ein Gegengewicht und sind ein bildrelevantes „Etwas“. Kosme de Barañano warnt zwar davor wie Oteiza das Konzept einer anderen Kultur uneingeschränkt in der eigenen wiedererkennen zu wollen, doch es als Inspirationsquelle zur Schärfung der eigenen Wahrnehmung in Dienst zu nehmen erscheint mir hilfreich und fruchtbar.

Ich möchte meine einführenden Worte mit einem Statement von Kosme de Barrañano schließen: „Hacer una exposición supone el mismo trabajo intelectual que escribir un libro“², eine Ausstellung zu machen erfordert die gleiche intellektuelle Anstrengung wie ein Buch zu schreiben. In diesem Sinne freue ich mich mit ihnen das Ergebnis zu genießen.

¹ Kosme Mª de Barañano Letamendia, El concepto de espacio en la filosofía y la plastica del siglo XX, KOBIE (Serie Bellas Artes) Bilbao 1 (1983), 137-224, 157.

² https://dspace.umh.es/bitstream/11000/4664/1/Kosme%20de%20Bara%c3%b1ano_Lorena%20Santos.pdf